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Chirurgie

Direktor:
Prof. Dr. med. Robert Grützmann, MBA
Uni-Klinikum, Chirurgie, Frauenklinik, Kontinenzzentrum, Urologie

Keine falsche Scham

Welt-Kontinenz-Woche soll auf tabuisierte Leiden aufmerksam und Betroffenen Mut machen

Kein Wort kommt über ihre Lippen, sie leiden lieber jahrelang still vor sich hin als die peinlichen Probleme laut auszusprechen: Bei vielen Menschen mit Inkontinenz überwiegt die Scham. Sie vertrauen sich nicht einmal Ärzten an und so wachsen sich die Symptome immer weiter aus. Dabei muss aus ein paar Tropfen in der Unterhose keine Inkontinenz entstehen – wenn rechtzeitig die richtigen Schritte eingeleitet werden. Betroffene früh zu erreichen, ihnen Hilfe anzubieten und Mut zu machen: Das ist eines der Ziele der Welt-Kontinenz-Woche (17. – 23.06.2019), an der sich auch das Kontinenz- und Beckenbodenzentrum des Universitätsklinikums Erlangen beteiligt. Den hiesigen Experten ist es ein großes Anliegen, nicht nur über die Behandlung bereits bestehender Probleme zu informieren, sondern auch Vorbeugungsmaßnahmen und konservative Therapiemöglichkeiten bei beginnender Harn- und/oder Stuhlinkontinenz vorzustellen.

„Inkontinenz ist das Hauptsymptom, aber die ersten Anzeichen für eine Beckenbodenschwäche sind vielfältig“, weiß PD Dr. Birgit Bittorf, Ärztin der Chirurgischen Klinik des Uni-Klinikums Erlangen. „Am offensichtlichsten ist der unkontrollierte Verlust von Urin und/oder Stuhl, aber auch immer wiederkehrende Verstopfungen sind ein Hinweis auf eine entsprechende Erkrankung.“ Viele Betroffene warten viel zu lange, bis sie sich Hilfe holen. „Gerade Frauen sind den Umgang mit Binden gewohnt“, weiß Dr. Mathias Winkler, Oberarzt der Frauenklinik des Uni-Klinikums Erlangen. „Sie arrangieren sich teils über viele Jahre mit dem Tröpfeln.“ Dabei sollten Patienten am besten sofort kommen und erste Symptome gleich abklären lassen. „Warten Sie nicht, bis der Leidensdruck ins Unermessliche gestiegen ist und die Inkontinenz Ihre Lebensqualität einschränkt“, rät Dr. Verena Lieb, Oberärztin der Urologischen und Kinderurologischen Klinik des Uni-Klinikums Erlangen. „Prophylaxe ist das A und O. Mit einer ganzen Reihe von konservativen Maßnahmen können wir außerdem viel erreichen. Operationen sind häufig erst der letzte Schritt.“

Inkontinenz einfach vorbeugen

Funktionsstörungen von Blase und Darm treten bei beiden Geschlechtern und auch in jeder Altersgruppe auf. „Natürlich ist die Zahl der Betroffenen unter den Senioren am größten“, bestätigt PD Bittorf, „aber ein gesunder Lebensstil trägt viel dazu bei, dass Inkontinenz erst spät zum Thema wird.“ Die Prophylaxe ist keine Zauberei: ein normales Körpergewicht, nicht rauchen, ballaststoffreiche Ernährung zugunsten einer geregelten Darmtätigkeit, ausreichende Flüssigkeitszufuhr, nicht schwer heben und körperliche Betätigung. „Wir sprechen bewusst nicht von Sport“, betont Dr. Lieb. „Es reicht, wenn Sie die Treppe statt den Aufzug nehmen und zwei-/dreimal in der Woche einen 30-minütigen Spaziergang machen. Sie müssen keine Höchstleistungen erbringen.“ Generell sollten Extreme vermieden werden: „Trinken Sie genug und vor allem gleichmäßig über den Tag verteilt“, erläutert Dr. Winkler. „Sie setzen sich und ihren Körper selbst unter Druck, wenn Sie abends noch zwei Liter Wasser hinunterstürzen.“ Eine volle Blase sollte außerdem in jedem Fall geleert werden: „Viele Menschen sitzen das dringende Bedürfnis aus, weil sie zum Beispiel gerade Stress auf der Arbeit haben“, weiß PD Bittorf. „Tun Sie das nicht! Gehen Sie aufs Klo, wenn Sie müssen.“ Die Anzahl der täglichen Toilettengänge ist übrigens kein Indiz für Inkontinenz. Beim kleinen Geschäft ist diese Zahl beispielsweise von der Trinkmenge abhängig, dabei sind ungefähr vier bis sechs Mal am Tag die Regel, doch beim Stuhlgang variiert die Häufigkeit von Mensch zu Mensch: Der eine leert seinen Darm nur zweimal in der Woche, der andere dreimal am Tag.

Konservative Behandlungsmöglichkeiten ausschöpfen

Mit Patienten, die sich selbst im Kontinenzzentrum des Uni-Klinikums Erlangen vorstellen oder von einem niedergelassenen Arzt überwiesen werden, führen die Spezialisten zunächst ein ausführliches Erstgespräch. Dabei fragen sie u. a. ab, ob es sich um einmalige Ereignisse handelt oder um seit Jahren bestehende Probleme. „Wir bitten viele der Betroffenen, eine Zeit lang Tagebuch zu führen, um einen Überblick zu bekommen“, erläutert PD Bittorf. Auch vor der anschließenden Diagnostik muss sich niemand fürchten: Bei Frauen gleicht sie der normalen gynäkologischen Untersuchung. Je nach Situation führen die Ärzte Funktions- und Druckmessungen durch, spiegeln Harnblase oder Darm. Fälle, die sich tatsächlich als Funktionsstörungen der beiden Organe manifestieren, werden in der interdisziplinären Kontinenz- und Beckenbodenkonferenz gemeinsam besprochen, sodass für jeden Patienten ein individueller Behandlungsplan erstellt werden kann. „Erst schöpfen wir die konservativen Möglichkeiten aus“, sagt Dr. Winkler und nennt Beispiele: „Wir empfehlen Physiotherapie zur Aktivierung des Beckenbodens oder Biofeedbacktraining, und zur Stuhlregulation setzen wir Quellmittel wie Flohsamen ein.“ Viele Leiden lassen sich damit gut in den Griff bekommen.

Vertrauen aufbauen – Lebensqualität zurückgeben

Wenn die konservativen Behandlungsmöglichkeiten ausgeschöpft sind, beraten die Erlanger Experten ihre Patienten hinsichtlich einer Operation. „Bei manchen Frauen senken sich – zum Beispiel infolge von Schwangerschaften, Veranlagung oder schwerer körperlicher Arbeit – die inneren Organe“, erläutert Dr. Winkler. „Im Rahmen eines kleinen Eingriffs rekonstruieren wir das Beckenbindegewebe und können die Probleme so in der Regel beheben.“ Bei Männern tritt Inkontinenz oft nach Prostatakarzinom-OPs auf. „Ist die konservative Therapie durch Beckenbodentraining, mit dem idealerweise bereits vor der Operation begonnen wird, ausgeschöpft, kann die Einlage eines Männerbandes erwogen werden“, sagt Dr. Lieb. Leider lässt sich Inkontinenz nicht in jedem Fall erfolgreich therapieren. Erklärtes Ziel der Spezialisten ist es allerdings, die Betroffenen zu unterstützen und in jedem Fall die Lebensqualität zu steigern. „Manche ziehen sich komplett zurück, trauen sich nicht mehr, Urlaubsreisen zu unternehmen und treten aus dem Sportverein aus“, weiß PD Bittorf. „Das muss nicht sein! Auch mit Entleerungsstörungen lässt sich ein normales Leben mit sozialen Kontakten führen.“ Dank Einfühlungsvermögen und Fachwissen gelingt es den Spezialisten, ein Vertrauensverhältnis zu ihren Patienten aufzubauen. „Wir begleiten die Betroffenen so lange wie Bedarf besteht – manchmal über viele Monate und Jahre“, betont Dr. Winkler. „Wenn das Eis einmal gebrochen ist und die Patienten Vertrauen gefasst haben, kommen sie bei den nächsten Anzeichen wieder zu uns – und warten nicht zu lange.“

Kontinenzzentrum des Uni-Klinikums Erlangen

Das Kontinenz- und Beckenbodenzentrum des Universitätsklinikums Erlangen wurde im Juli 2015 erstmals erfolgreich zertifiziert. Unter seinem Dach behandeln Experten der Chirurgischen Klinik, der Frauenklinik und der Urologischen und Kinderurologischen Klinik des Uni-Klinikums Erlangen gemeinsam Patienten und erarbeiten individuelle Therapieempfehlungen. Ziel ist die Bündelung von Fachwissen rund um das Krankheitsbild Harn- und Stuhlinkontinenz sowie verschiedene andere mit dem Beckenboden zusammenhängende Erkrankungen. Sprecher des interdisziplinären Zentrums sind Prof. Dr. Matthias W. Beckmann (Frauenklinik), Prof. Dr. Klaus Matzel (Koloproktologie/Chirurgie) und Prof. Dr. Bernd Wullich (Urologie).

Weitere Informationen:

Geschäftsstelle des Kontinenzzentrums
Telefon: 09131 85-42660
E-Mail: kontinenzzentrumatuk-erlangen.de

 

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